Nicole Wasserbauer ist unsere erste „blinde“ Telefonistin, die wir bis jetzt einstellen konnten.
Nicole kommt aus Wiener Neustadt, wo sie im November 1986 geboren wurde.
Den Kindergarten schaffte sie noch ohne Brille, aber in der Volksschule wurden ihre Augen so rapide schlechter, dass ihr die Lehrer ihre Sehbehinderung selbst mit ärztlichem Attest nicht glaubten.
„Die Volksschule war meine schlimmste Zeit“ erzählt sie und man merkt ihr die Erleichterung an, dass diese Zeit hinter ihr liegt.
Erst in der vierten Volkschulklasse, nach einem Vorfall in den dunklen Räumen einer Burg, in der Nicole durch eine voranschreitende Nachtblindheit vollkommen hilflos war, glaubten ihr auch die Lehrer.
Die Hauptschule besuchte sie dann bereits mit einer Brille - 8 Dioptrien benötigte sie für ihre Kurzsichtigkeit. „Die Hauptschule war ganz OK“ sagt sie „bis auf ein paar Mitschüler die meine Kurzsichtigkeit ausgenutzt haben, um mich zu ärgern“.
Nach der Hauptschule entschieden Nicoles Eltern, dass es für sie besser wäre das BBI (Bundesblinden Institut in 1020 Wien) zu besuchen. Dort ging sie in Orientierungsklasse, in der sie die ersten Erfahrungen der Brailleschrift sammeln konnte. Keinen Moment zu früh, wie sich in den Semesterferien herausstellte.
„Ich wollte meinen Eltern ein Überraschungsfrühstück machen und als ich auf die Uhr sehen wollte, ob ich schon damit beginnen kann, sah ich nichts.“ Heulend saß sie im Bad - die Türe versperrt - weil sie ihren Eltern den Schmerz ersparen wollte.
Doch ihr Weinen hatte die Eltern alarmiert und sie fuhren mit ihr sofort ins Krankenhaus. „Auf dem Weg in das Krankenhaus, konnte ich plötzlich wieder sehen, aber nur einen kurzen Moment“.Seit dem sieht sie nur noch Flecken, Umrisse, es sei denn Nicole ist weniger als 10cm von dem was sie sehen möchte entfernt.
„Telefonistin wollte ich immer werden“, sagt Nicole. „Weil ich gerne telefoniere und mit Menschen spreche.“ Außerdem bekommen die Hände keine Schwielen, wie es bei Korbflechtern und Besenbindern üblich ist. „Hast Du Angst um Deine Hände, dass sie nicht mehr so weich sind?“ frage ich sie.
„Wenn meine Hände Schwielen haben, kann ich nicht mehr lesen. Die Brailleschrift kann ich dann mit den Händen nur noch sehr schwer spüren.“
Bei unseren Besenbindern nachgefragt, bestätigen alle diese Tatsache. Dort haben es einige aufgegeben. „Ich bin stolz auf meine Arbeit“ sagt unsere Rosi, „Aber lesen ist mit den Schwielen wirklich sehr schwer, man muss für Brailleschrift sehr feinfühlige Hände haben“.
Nicole hat nach der Schule einige Stellen gehabt. Nicht jede war leicht und so manches Einstellungsgespräch hätte sich ein Sehender wohl nicht gefallen lassen. Vor allem wenn man nach seinen sexuellen Vorlieben mit dem eigenen Mann gefragt wird – sie ist seit 3 Jahren verheiratet. Auch ihr Mann ist seit seinem 8. Lebensjahr vollblind. Wenn man sie fragt, weshalb sie solche Fragen überhaupt beantwortet hat, bekommt man von ihr nur ein verlegenes, schüchternes Lächeln und ein halblautes „Was sollte ich denn tun?“ zur Antwort.
„Jetzt“, sagt sie, „habe ich liebe Kollegen, die mir helfen wenn ich sie brauche und einen Job der mir Spaß macht. Ich kann etwas Nützliches tun und unsere Produkte sind ihr Geld wirklich wert“ sagt sie selbstbewusst.
Dann schaut Nicole in die Richtung ihres Arbeitsplatzes und sagt: „Darf ich jetzt weiter arbeiten?“
Wir vermissen sie sehr und wünschen ihr für die Zukunft alles Gute.